1. platz spielmobil – innovationspreis

LAUDATIO

Wir bringen die Kinder ins Spiel

Das Spielmobil Bayreuth und wundersam anders e.V. arbeiten seit 2015 im Programm „Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zusammen. In den geförderten Stadtteilerforschungsmaßnahmen entwickelten wir, unter anderem, sogenannte Spieltaschen, die wir entweder offen oder versteckt im Stadtteil, in Straßenzügen und an Plätzen, befestigten. Die Kinder fanden diese und entwickelten Freude daran, sie weiter zu suchen und ihrerseits welche zu entwickeln. Diese erfolgreichen Ideen bauten wir in den Maßnahmen mit den Kindern weiter aus und entwickelten mobile Ludotheken, kleine und größere Spielschränkchen, die wir ebenfalls im Sozialraum der Kinder und in der Nähe von Erstaufnahmeeinrichtungen von Geflüchteten aufstellten, damit Kinder sie bespielen konnten. Da auch diese Ludotheken mit hoher Spielfreude angenommen wurden und wir mit der Förderung der Maßnahmen auch Fortbildungen und Qualifizierungsreihen wahrnahmen, gingen wir die nächsten Schritte. Wir entwickelten die Spielangebote zu QR – oder Zahlencodes und Passwort verschlüsselten Spielideen weiter und stellten somit kreativ-experimentelle Rallyes zusammen, in deren Abfolge die Spielteilnehmer*innen entschlüsseln und Rätsellösungen erarbeiten durften. Die klassisch analoge Schnitzeljagd wurde damit endgültig transformiert. Aber auch auf dieser Entwicklungsstufe blieben wir nicht stehen. Wir verbanden die Rätselketten mit einem narrativen Rahmen, den die Kinder selbst entwickelten. Sie erarbeiteten sich also eine spannende Story, schufen Helden und Heldinnen die, ganz im Mission-impossible-Style eine geheime Mission erfüllen und die Welt retten müssen. Die spielentwickelnden Kinder und Jugendlichen formten also unter begleiteter Partizipation Geschichte, Rätselstationen, Verschlüsselungen aus, setzten Ziele und gaben Zeitvorgaben. Neu hinzugewonnene Kinder und Jugendlichen spielten das geschaffene Spiel, in dem sie in die Rollen der Protagonisten, Weltenretter und bösen Gegenspieler schlüpften und den Auftrag bekamen, in knapper Zeitvorgabe die Rätsel zu entschlüsseln, um damit die Welt vor dem Untergehen in letzter Minute retten zu können. 

Je spannender die Rahmenstory, je authentischer Requisiten eingebaut wurden und je effektvoller die eingebauten Rätsel waren, umso größer war die Euphorie des Spiels (Spielflow).
Eine weitere Herausforderung lag darin, dass die Rätselrallyes manchmal zu weit vom Wohnblock ausgelegt wurden. Gerade die jüngeren Kinder hatten keine Erlaubnis sich vom Wohnblock zu entfernen. Der Spielraum in der Rallye ist der Stadtraum, natürlich in einem überschaubaren Radius – dennoch zu groß. Wir wollten die Kinder weiter mitnehmen, die keine Erlaubnis zum Ausschwärmen erhielten. 

 Damit entwickelten wir die Rallyes auf einen engeren Raum (zurück). Das Spielprinzip – verschlüsselte Spiele, Narrativ und Zeitknappheit in Verbindung mit dem pädagogischen interaktionistischen Prozess – wollten wir beibehalten. Die Komponente Raum musste neu durchdacht werden. Unsere Erfahrungen in der mobilen Spielaktion gaben uns die Expertise Raum zum Spielraum ohne viel Material werden zu lassen. Das Spielmobil kommt auf eine Wiese, auf einen Platz oder in die Wohnstraße, packt Elemente wie Beachflags, Bierkisten als Hocker aus, hängt Wimpelketten und Transparente auf und schon wird ein Spielraum daraus. Mit vielseitig verwendbaren Materialien wie Papier & Stifte, Werkzeuge & Baumaterial entsteht eine Spielaktion.

Die Erfahrungen mit den mobilen Ludotheken (Spielschränkchen) waren die Basis zur Entwicklung eines Story-geleiteten Rätselschränkchens. Mit der Herausforderung der Auseinandersetzung der Elemente Raum und Spiel setzte sich unser Team neu auseinander. Wir begaben uns auf die Entwicklung von Escaperäumen [Synonym: Exitroom, Escaperoom, Exitgames]. In einem ausrangierten Container entwickelten wir den Prototypen Escaperaum „Wilhelmine“. In einem KfZ Anhänger bauten wir den Exitraum Rettungskapsel 14c. Das Prinzip: eine kurze Erzählung in einem thematisch gestalteten Raum voller versteckter mechanischer, analoger oder digitaler Rätsel. Die Spieler sind im Raum eingeschlossen und können erst mit des Endrätsels Lösung aus dem Raum entfliehen. Das Spielprinzip Escaperaum übertrugen wir nun auf die Herausforderungen mit den narrativen Rätselspielen im Stadtteil. Zu der mit den Kindern entwickelten Story vom Piratenschiff wurde ein neuer Rätselschrank gebaut und liebevoll zur Seemannskiste inszeniert. 

kerstin guthmann